Auslandsaufenthalte

Seit 1983 haben Aktive unserer Abteilung an Wettkämpfen in Schweden (1989, 90, 91, 94, 94, 97, 2001), Dänemark (1983, 87, 89, 90, 91, 95, 2001), Frankreich (1987, 88, 90, 2000), Norwegen (1990, 94, 96, 98), Ungarn (1987, 93, 95), Österreich (1990, 2000), Finnland (1994, 2000), Tschechien (1991), Italien (1993), Polen (1994), Portugal (2000) und Rumänien (2000) teilgenommen.

Nachfolgend ist ein Erlebnisbericht von einem typischen Mehrtage-OL angefügt. Es handelt sich um den 5-Tage-OL in Göteborg/Schweden, der 1990 stattfand. Matze hat den Text damals für die Winterausgabe der Vereinsnachrichten geschrieben, die Bilder stammen ebenfalls von ihm.

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Ein OL-Erlebnis in Schweden

Im Winter letzten Jahres beschloß ein Teil der OL-Abteilung, ihre Kondition im folgenden Sommer nicht so bergab gehen zu lassen. Daher suchte man nach einem netten Plätzchen, das neben einigen körperlichen Torturen auch etwas Erholung für uns übrig hatte. Für OLer gibt es in so einem Fall nur vier Möglichkeiten: die Flucht nach Süden, Norden, Osten oder Westen. Da Frankreich im Südwesten dieses Jahres bereits getestet wurde - und hervorragend bestanden hatte -, der Osten noch etwas zu unerforscht war und im Westen es zu flach und danach auch zu naß ist, blieb nur der Norden übrig. Skandinavien, das Walhalla für jeden OLer; Schweden, das Paradies für Knäckebrotfans! Dort findet jedes Jahr das 0-Ringen, die größte OL-Veranstaltung der Welt statt, mit mehr Anmeldungen als Teilnehmer an den Start gelassen werden können.

Wasa hin und Wasa her, so eine Fahrt muß gut vorbereitet werden. Da Nahrungsmittel in Schweden äußerst teuer sind, beschlossen wir, den größten Teil der Verpflegung für 14 Tage bereits im Bus mit dorthin zu nehmen. Doch für sechs Leute, deren Hunger unberechenbar ist, gestaltet sich ein Einkaufen zum Horrortrip: vier volle Einkaufswagen, Gesamtpreis über 400 DM.

Am 14. Juli gegen Mittag ging die Fahrt dann los. Viel Platz zwischen Rucksäcken, Taschen und Lebensmitteln hatten wir im Bus nicht mehr, aber dies blieb nicht die einzige Entbehrung an Luxus. Um Mitternacht kamen wir in Friedrichshaven beim Fähranleger an, doch obwohl drei Stunden zu früh, waren wir nicht die Ersten. Nach einer sehr kurzen Nacht auf der Fähre erreichten wir um halb sieben Uhr am nächsten Morgen Göteborg. Sogleich bemühten wir uns um einen Campingplatz und genossen die herrliche Landschaft schon kurz hinter der Stadt. Doch in Schweden sind Lebensmittel nicht das einzig teure Gut; die Übernachtungspreise auf den Zeltplätzen hätte unsere Kasse für fünf Tage nicht verkraftet, und wir beschlossen also, die erste Nacht im Freien zu verbringen, was in Schweden ja noch erlaubt ist. Da es außerdem sehr warm war, stand dem nichts im Wege. So wurde eine Waldlichtung an einem wunderschönen See unser erster Zeltplatz.

Vor einem kleinen Lauf am See gab es die erste Mahlzeit: Spaghetti, doch mit drei Campingkochern Essen für sechs Personen machen, ist alles andere als einfach, zudem wenn ein starker Wind jeden Versuch, das Wasser zum Kochen zu bringen, vereiteln will. Aber Dank seiner Intelligenz und zweier Campingmatten siegte der Mensch schließlich über die Natur.

Am nächsten Morgen wurde uns das Frühstück von einigen unverschämten Enten schwer gemacht, deren Triumpf schließlich darin bestand, ein halbes Knäckebrot mitsamt Butter und Marmelade zu erbeuten.

Jetzt hatten wir dem Gott des Laufens aber doch Tribut zu zollen, denn da wir auch noch trainieren wollten, mußten wir uns OL-Karten besorgen und unser Zeltlager gegen einen offiziellen Campingplatz mit Duschen eintauschen. Der Vorteil: Unser Platz war direkt auf einer OL-Karte, wir konnten also ohne Autofahrt direkt vom Zelt loslaufen, und eben die besagten Duschen. Jetzt kam auch endlich unser Tapeziertisch zur Geltung, den wir in Ermangelung eines guten Campingtisches mitnahmen. Allen Campern sei gesagt: ab einer Stärke von sechs Personen lohnt sich so ein Eßtisch.

Nach vier sehr schönen Tagen mit Training und vielen neuen Erfahrungen, die jeder von uns in dem schwedischen Wald machte - der Autor hatte sein Leben beinahe in einem ein Meter breiten Wasserloch beendet, das, zu seinem Schrecken, aber auch noch auf der sehr genauen Karte verzeichnet war -, rissen wir unsere drei Zelte wieder ab, um sie dann im 0-Camp, dem Massenlager des Veranstalters, wieder aufzubauen. Dieses Massenlager war für uns ein Fußballplatz, auf dem wir mit allen anderen Deutschen gemeinsam unser Quartier aufschlugen. Das war schade, denn so blieben die Kontakte zu anderen schwedischen OLern sehr gering.

Nun ein paar Worte zu der Größe dieser Veranstaltung. Insgesamt waren 20493 Läufer aus 1177 Vereinen von allen fünf Kontinenten vertreten. In der größten Klasse liefen 984 Teilnehmer. Allein im Central-Ort, dem Massenlager also, schliefen über 15000 Leute. Ihre Zelte waren wie unsere auf Flächen rund um eine Militärkaserne aufgebaut. Auf dem Gebiet der Kaserne war die gesamte Organisation, eine Bank und eine Post, eine zu einem Supermarkt umfunktionierte Turnhalle sowie diverse andere Läden untergebracht. Damit man telefonieren konnte, hingen an einer Außenmauer etwa 20 Münzfernsprecher nebeneinander. Um zu den Wettkämpfen zu gelangen, mußte jeder Teilnehmer eine Buskarte kaufen, denn Individualverkehr zu den Waldgebieten war verboten, man kann sich aber auch gut vorstellen, warum. Mit dieser Karte durfte man aber auch das gesamte Bus- und Straßenbahnnetz Göteborgs benutzen und hatte außerdem freien Eintritt bei Lieseberg, dem größten Vergnügungspark Schwedens. Für den Transport aller OLer in Göteborg ist eine eigene Buslinie eingerichtet worden, die zwar teilweise im 5-Minutentakt fuhr, deren Busse aber immer bis zum Anschlag voll waren.

Von dieser Größe merkten wir anfangs noch nicht soviel, denn die meisten Leute kamen erst am Sonntag an, und es war gerade einmal Donnerstag. Am Montag sollten die Wettkämpfe beginnen, fünf Stück an der Zahl, bis einschließlich Freitag. Dann sollte auch ein Klassensieger aller Etappen feststehen, doch bei dieser Konkurrenz durften wir froh sein, nicht Letzte(r) zu werden. Am Sonntag war eine Eröffnungsfeier im Ullevi, Göteborgs großer Sportarena. Jeder Verein durfte einen Vertreter mit Vereinswimpel in das Stadion schicken. Unser war zwar nicht besonders groß, doch geschmückt mit zwei zerfetzten Beinschützern bestimmt der Originellste. Einige Fallschirmspringer, von denen es einen beinahe in die Tribüne getrieben hatte, verliehen der Feier noch etwas Dramatik.

Der Montag kam dann sehr früh, ziemlich genau um halb sechs Uhr morgens. Schlaftrunken rüsteten wir uns aus und machten uns auf den Weg zum Abfahrtspunkt der Pendelbusse. Trotz hervorragender Organisation mußten wir etwa 20 Minuten auf unsere Abfahrt warten, denn der Andrang war riesig. Alle fünf Minuten fuhren vier bis fünf volle Busse im Konvoi ab, für die sämtliche Ampeln in Göteborg auf Vorfahrt geschaltet waren. Bei einer Etappe hatte man sogar die Autobahn halbseitig gesperrt und eine Brücke über sie gebaut. Die Busse hielten dort am Straßenrand und ließen ihre Passagiere aussteigen.

Am Zielplatz angekommen, bot sich uns wieder ein Anblick perfekter Organisation: Auf der riesigen Zielwiese waren Telegrafenmasten und Zelte aufgebaut, ein 8spuriger Zieleinlauf führte 400 Meter vom Wald bis zur Zeitnahme. Dies stellte uns vor neue Probleme, denn welchen dieser Einläufe mußten wir nehmen? Doch auch diese Frage hatte eine Antwort, und wir konnten mit dutzenden anderen zu dem 3-4 Kilometer entfernten Start laufen, bevor wir unsere eigentliche Wettkampfstrecke in dem sumpfigen schwedischen Wald auf uns nahmen. Der Autor stellte an diesem Tag eine neue Bestzeit auf: bis auf ein oder zwei Teilnehmer waren alle anderen Läufer wesentlich schneller. Nun ja, wenn ihnen der Wald nicht gefällt... Nach dem Laufen freut man sich im allgemeinen auf eine schöne warme Dusche. Aber wie organisiert man das Duschen für 20000 Leute? Ganz einfach: Man sperrt ein Gebiet von der Größe etwa zweier Tennisplätze ab und verlegt Feuerwehrschläuche, die sich an langen Wasserrohren mit Duschköpfen verzweigen. Die Temperatur des Wassers, das diese Duschen verläßt, heißt dann »temperiert«.

Die nächsten vier Tage verliefen immer nach dem gleichen Schema. Vormittags fand ein Wettkampf statt getreu dem Motto »run and search«, und am Nachmittag besuchte man die Stadt, sofern man dazu noch Kräfte hatte.

Als dann der letzte Wettkampf beendet war, blieben uns noch etwa 24 Stunden bis zur Abfahrt. Wir hatten draußengelegene Toiletten und Waschtröge überstanden sowie verkochte Nudeln und selbstgemachten Schokoladenpudding überlebt und waren so richtig schön »fertig«. (Ein Tip für ein interessantes Gericht: Man versuche, 500 Gramm Nudeln in einem 3/4 Liter Wasser zu kochen). Die Rückfahrt wurde wie immer in der gleichen Stimmung verbracht: man dachte nach und schlief. Wir hatten eine sehr schöne Zeit gehabt, zwar keine Sieger, aber auch keine enttäuschten Verlierer produziert, und nun freute man sich auch wieder auf etwas Richtiges zu Essen.

Matthias Hampel

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